Spielekiller vs. Killerspiele

Seit dem Amoklauf von Robert S. im Jahre 2002 kocht die Diskussion um das Verbot sogenannter „Killerspiele“ immer wieder hoch. Erst kürzlich wurde vom bayrischen Innenminister ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot gefordert, das vom Kulturrat als ein „schlechter bayrischer Running Gag in Wahlkampfzeiten“ abgelehnt wurde. Auf die Forderung hin startete die PC Games im Hinblick auf die bayrische Landtagswahl die Aktion „Ich wähle keine Spielekiller!“.

Bei Verbotsforderungen oder anderweitigen Hetzaktionen gegen diverse Computerspiele kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wenn man den Worten mancher Politiker oder Fernsehsendungen lauscht, dann bekommt man bisweilen das Gefühl, „Killerspiele“ seien der Grund für jegliche Gewalt und die Verblödung der Gesellschaft. Doch wieso kommen diese Leute auf derart absurde Ideen? Und was überhaupt ist ein „Killerspiel“?

Der Begriff „Killerspiel“ gewann nach dem Amoklauf 2002 an Bedeutung. Im ersten Moment verbinde ich damit Spiele, bei denen man gezielt ausgewählte Personen töten muss. Allerdings wird der Begriff insbesondere von Personen, die sich scheinbar kaum detailliert mit derartigen Spielen auseinandergesetzt haben, für alles mögliche verwendet. Eine eindeutige Definition des Begriffes gibt es nicht. Zwar gab es in Bayern einen Gesetzesantrag, der „virtuelle Killerspiele“ als Spielprogramme, die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen darstellen und dem Spieler die Beteiligung an dargestellten Gewalttätigkeiten solcher Art ermöglichen. definiert, doch das ist derart schwammig, dass neben Ego-Shootern, die Spielern in dem Zusammenhang wohl als erstes in den Sinn kämen, auch jegliche Strategie- und Rollenspiele damit in Verbindung gebracht werden können.

Eine vernünftige und wenig schwammige Definition steht also weiterhin aus, aber dennoch findet der Begriff weite Verwendung, insbesondere von denen, die entweder klar gegen Computerspiele mit Gewaltdarstellung sind oder die einfach mal keine Ahnung von der Materie haben – leider geht beides meist Hand in Hand.

Auch der bayrische Philologenverband hat in einer Pressemitteilung vom 09.09. seine Unkenntnis bewiesen. Dort hieß es ursrpünglich, dass Schätzungen zufolge (…) alleine mit dem beliebten wie aufgrund seiner Brutalität berüchtigten Marktführer „World of Warcraft“ jährlich rund eine Milliarde Dollar Umsatz erzielt werde. Der Umsatz kann hinkommen, verzeichnet World of Warcraft doch über zehn Millionen monatlich zahlender Kunden, aber für seine Brutalität ist das Spiel ganz sicher nicht bekannt. Inzwischen wurde diese Textpassage korrigiert und der Fehler eingestanden: In der Pressemiteilung vom 09.09.2008 ist uns ein Fehler unterlaufen: „World of Warcraft“ ist natürlich kein Beispiel eines für besondere Brutalität bekannten Spiels und nicht vergleichbar mit Shootern wie etwa „Counterstrike“ oder „[…]“. – Danke für die zugesandten Hinweise auf dieses Versehen! –. Hier aber vergleicht man Counterstrike mit einem Spiel, das ich hier nicht nennen will, da es in Deutschland verboten ist. Counterstrike ist ein Taktik-Shooter, bei dem man auf Gegner schießen kann (und es zumeist auch muss) – in der deutschen Version kommt es ohne Blut aus, es ist ab 16 freigegeben. Dass dieses Spiel mit einem wirklich grausamen und deshalb deutschlandweit verbotenen Spiel verglichen wird, ist mal wieder sympthomatisch für die tiefgreifende Sachkenntnis bestimmter Personen.

Dass Presse und Medien nicht immer die (vollständige) Wahrheit sagen, sollte für niemanden neu sein. In Sachen Computerspieldiskussion aber gab es aber schon einige Fälle, die sehr weit vom guten Geschmack entfernt waren. So wurden Unwahrheiten verbreitet, die darauf schließen lassen, dass äußerst schlampig recherchiert wurde und dass die Journalisten scheinbar kaum Ahnung von der Thematik hatten und wohl ein möglichst schlimmes Bild von Computerspielen abgegeben werden sollte. Es gibt ein recht populäres Video auf Youtube, das Ausschnitte aus verschiedenen Sendungen der Öffentlich Rechtlichen zeigt und den Schwachsinn, der dort verbreitet wird, mit den tatsächlichen Fakten kommentiert. Dieser Zusammenschnitt sei jedem ans Herz gelegt, der Nachrichtensendungen nicht unreflektiert über sich ergehen lassen oder sich mit dem Thema auseinandersetzen will. Ein weiteres Video kommentiert verschiedene Aussagen der Printpresse.

Die Politiker lassen indessen nicht locker. Der bayrische Innenminister Herrmann legte nach und sagte Bei Killerspielen übernehmen die Spieler die Rolle von Schwerkrimellen, die belohnt werden, wenn sie besonders viele Menschen auf besonders grausame Art umbringen.. Mir fällt auf Anhieb kein Spiel ein, dass in Deutschland erwerblich ist und bei dem ein Spieler belohnt wird, wenn er besonders grausam tötet. Solche Spiele sind im Allgemeinen ohnehin schon verboten, wie das weiter oben nicht erwähnte Spiel. Sind solche Spiele Gegenstand der Killerspiele-Diskussion, so kann man das Thema also ad acta legen, da sie ohnehin verboten sind. Ein weiteres Indiz für die Unkenntnis der Personen, die am lautesten schreien.

Doch wieso fordern Politiker Verbote für Dinge, mit denen sie sich scheinbar kaum auseinandersetzen? Vielleicht genau deshalb. Die Angst vor dem Unbekannten. Sie wissen viel zu wenig über diese Problematik und genau das ist meiner Meinung nach der springende Punkt. Es ist immer einfach, bestehende Probleme auf Dinge abzuwälzen, die man nicht versteht. Entsprechend kann ich die Befürchtungen und Ängste von besorgten Eltern auch nur zu sehr verstehen, denn man kennt die Spiele kaum und durch die Medien werden diese Ängste mittels Überspitzung und der Verbreitung von Unwahrheiten dazu noch geschührt.

Ich kann nur allen Eltern empfehlen, die sich Sorgen um die Computerspiele ihrer Kinder machen, sich diese mal zeigen zu lassen. Hier helfen weder blinde Verbote, noch das Verschließen der Augen – hier ist wichtig, dass sich Eltern und auch ihre Kinder kritisch mit den eigenen Spielen auseinandersetzen. Dann kann man auch über Befürchtungen sprechen oder sich von den Spielenden erklären lassen, was sie beim spielen fühlen – oder auch nicht.

Doch auch Politiker sollten versuchen, Spiele und Spieler zu verstehen. Dann besteht auch die Chance, dass man auf der selben Ebene diskutieren kann und zu vernünftigen Ergebnissen kommt. Solang das aber nicht passiert und wie bisher mit scheinbar blindem Aktionismus nach realitätsfernen und für die Spieleindustrie definitiv schädlichen Lösungen verlangt wird, wird sich an der Situation nichts verbessern. Im besten Fall schießen sich besagte Politiker damit ins Aus, aber das hängt auch stark davon ab, wie aufgeklärt die Wähler sind.

Wie es klingen könnte, wenn ein Politiker gegen ein Computerspielverbot argumentiert, hat die PC Games nachgestellt. Als Grundlage dienten Aussagen von „Spielekiller“ Günther Beckstein, der gegen eine gesetzliche Einschränkung des Alkoholkonsums argumentiert. Er spricht von verantwortungsbewusstem Umgang mit Alkohol, davon, dass jeder Erwachsene für sich selbst entscheiden können solle und davon, dass Verbote nicht der richtige Weg wären. Das sind in meinen Augen gute Argumente, die in genau der Form auch von Gegnern der Computerspiel-Verbote benutzt werden.

Nur wieso finden genau diese Argumente dort kein Gehör? Sollten Kinder und Jugendliche den verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien, allen voran den Computerspielen, nicht auch erlernen können? Sollte ein erwachsener Mensch nicht selber darüber entscheiden können, ob er einen Ego-Shooter spielen sollte oder nicht? Und ist es nicht tatsächlich so, dass ein Verbot nichts bringt, da es heutzutage viele (nicht legale) Wege gibt, an Spiele und andere Software zu kommen? Mal ganz zu schweigen davon, dass es keineswegs belegt ist, dass einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von „Killerspielen“ und Gewaltbereitschaft gibt. Manche Studien gehen davon aus, andere behaupten das Gegenteil, etwas wirklich handfestes gibt es bis heute nicht. Die Zahl der Studien, die Computerspielen keine Steigerung der Gewaltbereitschaft bescheinigen, sind allerdings in der Mehrzahl.

Als leidenschaftlicher Computerspieler frage ich mich ernsthaft, wieso man immer und immer wieder dieses Thema breittreten muss. Insbesondere die konservative CSU macht häufig damit von sich reden und ich muss ehrlich sagen: Es wird langweilig und es nervt. Wiederholt wurden Vorschläge für Gesetzesänderungen abgelehnt und das Spielen von PC-Spielen ist weitestgehend noch genauso legal, wie vor zehn Jahren. Es wäre gut, wenn manch einer endlich aus seiner eigenen Traumwelt aufwacht und der Realität ins Auge blickt, denn hier gibt es reale Probleme, um die sich weit dringender gekümmert werden sollte.

2 Antworten

  1. Herbi says:

    Da kann ich dir zu 100% zustimmen. Diese Diskussionen in der Politik sind lächerlich. Aber wenn der Wahlkampf vorbei ist, ist auch das Thema „Killerspiele“ wieder vergessen.

  2. ex-ratt says:

    Joachim Herrmann, der Innenminister Bayerns, hat sich zwölf kritischen Fragen der PC Games gestellt: http://www.pcgames.de/aid,660024/Interview/GTA_4_haette_indiziert_werden_muessen_-_Zwoelf_Fragen_an_Bayerns_Innenminister_Joachim_Herrmann/. Finde ich echt gut, dass er das gemacht hat, meinen Respekt an dieser Stelle. Ich möchte hier jetzt nicht auf jede einzelne Antwort eingehen, sondern nur zwei Dinge bemerken.

    Zum einen bringt er immer wieder zum Ausdruck, wie stark gewaltverherrlichend „Killerspiele“ sind. Er spricht von „hinrichten“, „Blut spritzt“ und „bestialische Art und Weise“. Wenn man allein diese Worte hört, so möchte man ihm zustimmen, was ein Verbot angeht, denn es klingt recht grausam und nicht nach etwas, das „Spielspaß“ bereiten sollte. Aber man sollte auch immer differenzieren, denn zum einen sind diese Formulierungen natürlich bewusst gewählt, zum anderen aber sprechen sie vielleicht aber auch nur sehr grenzwertige Spiele an – wie er selber im Interview sagt, geht es ihm nicht um ein Verbot von z.B. Counter-Strike.

    Ein weiterer Punkt, den ich interessant finde, ist, dass er davon spricht, dass „Killerspiele“ allein für sich gesehen nicht der Grund sein können für Amokläufer oder generell erhöhte Gewaltbereitschaft. So seien gerade labile Persönlichkeiten empfänglich für Desensibilisierung und Einschränkung der Empathiefähigkeit. Das sehe ich durchaus auch so, aber ein Verbot gewisser Spiele löst das Problem nicht. Stattdessen werden stabile Personen bevormundet. Vielleicht mag das ein blöder Vergleich sein (und mir fällt gerade nix gescheiteres ein), aber es wirkt auf mich, als wenn man einem Mörder die Waffe wegnimmt und dann annimmt, dass sich das Problem gegessen hätte.

    Man sollte in diesem Fall viel mehr auf die Labilität eingehen. Wieso sind viele Menschen psychisch labil und was kann man dagegen tun? Sind heutzutage mehr Menschen psychisch belastet als früher oder ist es ein weitgehend konstantes Phänomen? Die Fragen und deren Beantwortung fände ich ehrlich gesagt viel interessanter und mich als (hoffentlich) vernünftig denkenden Menschen würde es in einem Wahlkampf viel mehr ansprechen, als ein Verbot von irgendwas. Ein Verbot hat für mich immer den bitteren Beigeschmack, dass man ein Problem nicht zufriedenstellend lösen konnte und stattdessen die „einfache“ Variante wählt. Wie, wenn ich, anstatt ein Computerprogramm robust gegen Fehleingaben zu sichern, einfach in einem Text daneben schreibe, was jemand nicht zu tun hat und selbiges Programm mit einem Fehler abstürzt, wenn man doch entgegen der Anweisungen handelt.

    Ich fänd es also toll, wenn die Politik den schwierigeren Weg nehmen würde, denn am Ende mag das der bessere gewesen sein. Verbote lösen keine Probleme. Sie bereiten nur dem eh schon überbeschäftigten Rechtssystem noch mehr Arbeit und verkomplizieren die bestehenden Gesetze durch noch mehr Verordnungen. Also ab an die Wurzel des Übels, anstatt oberflächlich herumzudoktorn. Hophop :)